Vor einigen Jahren saß ich in einer Fortbildung für Ernährungsfachkräfte, als eine promovierte Kollegin sich das Mikrofon nahm und mit einer Empörung sprach, die den Saal elektrisierte. Es ging um die neuen Wochenend-Seminare: Zwei Tage, ein Zertifikat, und fortan durfte man sich „Ernährungsberater" nennen — ohne Biochemie, ohne Physiologie, ohne ein einziges betreutes Erstgespräch. Die Kollegin sprach von Berufsschutz, von Qualitätsstandards, von der Gefahr für Klient*innen. Der Saal klatschte.
Ich klatschte mit. Die Empörung war berechtigt.
War sie nicht?
Aktuell sehe ich auf LinkdIn die gleiche Debatte in grün. Nur heute geht es um „Vibe-Coder" — den mittlerweile gängigen Begriff für Menschen, die ohne Informatikstudium mithilfe von KI-Tools funktionierende Software erstellen und dabei frecher Weise keinen eigenen Code schreiben. Ein Senior-Entwickler schrieb: „Das sind keine Programmierer. Die haben keine Ahnung, was unter der Haube passiert." Ein anderer nannte es „das Ende der Softwarequalität".
Die Kommentare klatschen. Und ich sitze da mit einem Gefühl, das ich zunächst nicht einordnen konnte: Ich habe diesen Film schon einmal gesehen.
Der Ton ist vertraut. Dieselbe Empörung. Dieselbe Angst. Dieselbe Frage im Hintergrund: Wenn das jetzt jeder kann — was bin ich dann noch wert?
Ich lebe in beiden Welten. Mein erstes Unternehmen ist in der Ernährungstherapie. Mein zweites entwickelt Websites für Gesundheitsdienstleister. Und die Parallele zwischen diesen beiden Debatten ist keine, die ich konstruiere — sie drängt sich mir auf.
Das Internet hat Ernährungswissen demokratisiert. KI demokratisiert Programmieren.
Was vor fünfzehn Jahren passiert ist, lässt sich in einem Satz sagen: Information wurde frei. Was drei Jahre Bachelor und zwei Jahre Master brauchte — Stoffwechselwege, Nährstoffinteraktionen, Studienlagen — war plötzlich googlebar. Menschen mit Interesse und Disziplin konnten sich ein beachtliches Ernährungswissen zusammensuchen, ohne je einen Hörsaal betreten zu haben.
Die Fachgesellschaften reagierten so, wie Institutionen auf Kontrollverlust reagieren: mit Abgrenzung. Strengere Zertifizierungen. Klarere Definitionen, wer sich wie nennen darf. Der Versuch, den Zugang zum Feld zu regulieren, während das Internet die Tore längst geöffnet hatte.
Es war verständlich. Und es ist — zumindest aus meiner Perspektive — der falsche Fokus.
Heute sehe ich dasselbe Muster bei Softwareentwicklern. Cursor, Claude Code, Github Copilot — plötzlich können Menschen, die nie eine for-Schleife von Hand geschrieben haben, Anwendungen bauen, die funktionieren. Und die Reaktion erfahrener Entwickler gleicht der meiner damaligen Kollegen bis ins Detail: Abwertung, Gatekeeping, die Betonung, dass „echtes" Programmieren etwas anderes sei.
Wo die Analogie hält — und wo sie bricht
An diesem Punkt wäre es einfach, einen glatten Bogen zu ziehen: Demokratisierung ist gut, Widerstand ist zwecklos, die Zukunft gewinnt immer. Aber so einfach ist es nicht — in keiner der beiden Welten.
Denn meine promovierte Kollegin hatte in einem Punkt recht: Ein Wochenendseminar ersetzt kein Studium. Nicht, weil das Studium irgendein Privileg verleihen würde — sondern weil bestimmte Kompetenzen Zeit brauchen. Wer die biochemischen Zusammenhänge zwischen Insulinresistenz und Fettstoffwechsel nicht versteht, kann einen Ernährungsplan erstellen, der auf dem Papier gut aussieht und in der Praxis schadet. Wer die psychologische Dynamik einer Essstörung nicht kennt, kann mit gutgemeinten Empfehlungen echten Schaden anrichten. Das Wissen mag verfügbar sein — die Einordnung nicht.
Genauso beim Coding. Ein KI-Tool kann funktionierenden Code generieren. Aber ob die Architektur langfristig tragfähig ist, ob die Sicherheitsstandards eingehalten werden, ob die Anwendung unter Last stabil bleibt — das erfordert ein Verständnis, das sich nicht mal einfach prompten lässt. Noch nicht, zumindest.
Was sich allerdings verschoben hat — in beiden Feldern — ist die Frage, wo der eigentliche Wert liegt.
Die Verschiebung
In der Ernährungstherapie habe ich über die Jahre gelernt, dass meine wertvollste Kompetenz nicht das Wissen über Makro und Mikronährstoffe ist. Das kann sich heute jeder anlesen. Meine Kompetenz liegt in der Fähigkeit, zuzuhören. Zusammenhänge zu erkennen, die der Klient selbst nicht sieht. Gemeinsam einen Plan zu entwerfen, der nicht nur biochemisch korrekt ist, sondern den ein echter Mensch mit einem konkreten Alltag tatsächlich umsetzen kann.
In der Softwareentwicklung beobachte ich dieselbe Verschiebung. Die wertvollste Kompetenz ist zunehmend nicht mehr das Schreiben von Code — sondern das Denken in Systemen. Das Verstehen, was ein Nutzer braucht, bevor er es selbst weiß. Das Entwerfen von Architekturen, die nicht nur heute funktionieren, sondern sich weiterentwickeln können.
Das Werkzeug wird mächtiger. Die Aufgabe wird dadurch nicht einfacher — sie verändert sich.
Was das konkret bedeutet
Ich merke die Verschiebung in meiner eigenen Arbeit. Eine professionelle Website mit modernem Framework und durchdachter Architektur — das war vor einigen Jahren ein Projekt im Bereich von 30.000 bis 50.000 Euro. Nicht, weil der Wert so hoch, sondern weil der Aufwand immens war. Zeile für Zeile, Funktion für Funktion. Dann kamen höhere Programmiersprachen, wie Python, JavaScript und Co. und haben vieles vereinfacht. Dadurch wurden hochwertige Websites günstiger. Heute kann ich mit KI-unterstütztem Workflow eine Website derselben — manchmal besserer — Qualität für einen Bruchteil umsetzen. Nicht weil die Arbeit weniger wert wäre. Sondern weil ein Teil der Arbeit, der früher Wochen benötigte, heute Stunden braucht.
Das ist kein Argument gegen Expertise. Es ist ein Argument dafür, dass Expertise sich neu definieren muss.
Und es ist — vielleicht — ein Argument dafür, dass Zugang zu guter Technologie kein Luxus mehr sein sollte. Dass eine Physiotherapie-Praxis in einer Kleinstadt dieselbe digitale Qualität verdient wie eine Privatklinik in München.
Eine Frage, die ich nicht beantworten kann
Was mich an beiden Debatten am meisten beschäftigt, ist nicht die Technologie. Es ist die Reaktion auf sie. Dieser Reflex, das Neue abzuwehren, weil es das Alte entwertet — oder zumindest so anfühlt.
Ich verstehe ihn. Ich hatte ihn selbst, in jener Fortbildung. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn vollständig überwunden habe oder ob ich mir das nur einrede, weil ich dieses Mal auf der Seite bin, die von neuer Technologie profitiert.
Was ich weiß: Die Ernährungswissenschaft und -therapie ist nicht zusammengebrochen, weil Informationen frei verfügbar wurden. Sie hat sich verändert. Die guten Therapeuten sind die, die das Internet nicht als Bedrohung sehen, sondern als Grundlage. Die sich freuen, weil informierte Klient*innen den Beratungsprozess bereichern.
Vielleicht wird es bei der Softwareentwicklung ähnlich laufen. Vielleicht auch nicht. Da muss ich ehrlich sein: Ich weiß es nicht.
Was ich aber beobachte — aus beiden Welten, gleichzeitig — ist, dass die Angst vor dem besseren Werkzeug noch nie der richtige Weg war, um mit Veränderung umzugehen.
Julian Jaschinger ist Ernährungstherapeut mit Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie und Gründer von VerumVita® sowie PraxisPro Digital. Ein Therapeut, der programmiert — und Websites für Therapeut*innen, Ärzt*innen und Gesundheitsdienstleister entwickelt.
