Die Grenzen von Logik

Was die Arbeit mit essgestörten Klient*innen mich über Softwarearchitektur gelehrt hat

Die Grenzen von Logik

Sag einem Informatiker: Baue eine Ernährungs-App.

Was bekommst du? Einen Kalorienzähler. Mit Makronährstoffverteilung, Diagrammen, vielleicht einem Barcode-Scanner. Alles sauber. Alles logisch. Alles korrekt.

Und für einen nicht unerheblichen Teil der Zielgruppe: potenziell schädlich.

Das ist kein Vorwurf an Informatiker. Es ist eine Beobachtung über Logik — und darüber, was passiert, wenn sie das einzige Werkzeug ist, mit dem man ein Problem betrachtet.

Die Schokolade um 22 Uhr

In der Ernährungstherapie gibt es einen Moment, der sich in fast jeder Beratung wiederholt. Ein Klient sagt: „Abends esse ich dann die Tafel Schokolade. Ich weiß, dass es falsch ist."

Ein Kalorienzähler würde an dieser Stelle rot aufleuchten. Tagesziel überschritten. Und damit wäre die Sache — aus Sicht der Logik — erledigt. Problem identifiziert, Lösung: weniger Schokolade.

Aber als Therapeut höre ich etwas anderes. Ich höre das „abends" — und frage mich, was tagsüber passiert ist. Ich höre „dann" — und frage mich, was dem Moment vorausging. Ich höre „ich weiß, dass es falsch ist" — und erkenne darin nicht Einsicht, sondern Scham. Und Scham ist einer der zuverlässigsten Verstärker von genau dem Verhalten, das sie verurteilt.

Niemand isst abends eine Tafel Schokolade, weil er sich verrechnet hat. Menschen essen aus Stress, aus Gewohnheit, zur Belohnung, zum Trost, manchmal auch, weil sie tagsüber zu wenig gegessen haben und der Körper sich nimmt, was er braucht — am liebsten schnell verfügbare Energie, also Zucker.

Die logische Lösung — „iss weniger" — ist in diesem Fall nicht nur wirkungslos. Sie verstärkt das Problem.

Warum mich das als Entwickler beschäftigt

Ich erzähle das nicht, um über Ernährungstherapie zu schreiben — dafür hätte ich den Blog von VerumVita. Ich erzähle es, weil ich in dieser Szene etwas Grundsätzliches über Problemlösung gelernt habe, das meine Arbeit als Entwickler seitdem prägt.

Logik arbeitet mit dem, was messbar ist. Kalorien sind messbar. Klickzahlen sind messbar. Ladezeiten sind messbar. Und all das ist wichtig — ich schreibe Code, der schnell lädt, sauber validiert und technisch einwandfrei funktioniert. Logik ist mein tägliches Werkzeug.

Aber Logik hat einen blinden Fleck: Sie kann nur das verarbeiten, was sich formalisieren lässt. Und das Wesentliche — warum ein Mensch tut, was er tut; was er braucht, bevor er es selbst weiß; wann er bereit ist für eine Veränderung — entzieht sich der Formalisierung. Nicht, weil es irrational wäre. Sondern weil es einer anderen Art von Rationalität folgt.

In einem früheren Beitrag habe ich darüber geschrieben, dass die eigentliche Kompetenz im Übersetzen zwischen zwei Sprachen liegt. Hier möchte ich einen Schritt zurückgehen und fragen: Was passiert, wenn man die eine Sprache — die der Logik — für die einzige hält?

Der Kalorienzähler als Architektur-Entscheidung

Das Kalorienzähler-Beispiel ist deshalb so aufschlussreich, weil es kein Versagen ist. Es ist eine logische Konsequenz. Wenn das Problem „Ernährung" heißt und das Werkzeug „Software", dann ist die erste Frage: Was lässt sich quantifizieren? Die Antwort: Kalorien, Makros, Gewicht, Portionsgrößen. Und genau das wird dann gebaut.

Das ist saubere Ingenieursarbeit. Aber es ist auch — bei genauerer Betrachtung — eine Architektur-Entscheidung, die das Menschenbild enthält. Ein Kalorienzähler modelliert den Menschen als rationales Wesen, das bessere Entscheidungen trifft, wenn es bessere Daten hat.

Wer in der Ernährungspsychologie arbeitet, weiß: Dieses Modell beschreibt vielleicht 20 Prozent der Realität. Die restlichen 80 — Gewohnheiten, Emotionen, soziale Kontexte, biografische Muster — passen nicht ins Modell. Sie existieren trotzdem.

Und sie entscheiden darüber, ob die App genutzt wird oder nach zwei Wochen in einem Ordner auf Seite drei des Smartphones landet.

Was das mit Praxis-Websites zu tun hat

Dieselbe Dynamik sehe ich, wenn ich Websites für Therapeutinnen, Ärztinnen und Gesundheitsdienstleister baue — nur in einem anderen Maßstab.

Die logische Herangehensweise wäre: Was braucht eine Praxis-Website? Leistungsübersicht, Team-Seite, Kontaktformular, Impressum. Check, check, check, check. Technisch korrekt, vollständig, funktional.

Aber wenn ich an die über tausend Erstgespräche denke, die ich als Therapeut geführt habe, weiß ich, dass die Frage falsch gestellt ist. Nicht „Was braucht eine Website?" sollte man fragen, sondern: „Was braucht der Mensch, der sie aufruft?"

Und dieser Mensch braucht — in den ersten Sekunden — nicht Information, sondern Orientierung. Nicht eine Leistungsübersicht, sondern die Antwort auf eine einzige Frage: Kann mir hier geholfen werden?

Das ist keine UX-Theorie. Das ist etwas, das ich in Erstgesprächen gelernt habe — in dem Moment, in dem jemand zum ersten Mal den Raum betritt und ich an seiner Körpersprache ablese, ob er sich sicher fühlt oder nicht. Diese ersten Sekunden entscheiden. Im Therapieraum wie auf der Startseite. Ich habe darüber in meinem ersten Blogbeitrag geschrieben — dort ging es um die Frage, wo der Wert einer Kompetenz liegt, wenn die Werkzeuge sich verändern. Hier geht es um etwas Verwandtes: Was verlieren wir, wenn wir die Werkzeuge der Logik für ausreichend halten?

Die andere Rationalität

Ich sage nicht, dass Logik falsch ist. Ich sage, dass sie unvollständig ist.

In der Ernährungstherapie arbeite ich mit Werkzeugen, die kein Informatik-Studium lehrt: Motivational Interviewing. Aktives Zuhören. Die Fähigkeit, in einem Satz — „Ich esse eigentlich ganz gesund" — das eine Wort zu hören, das mir mehr verrät als der Rest. „Eigentlich." Eine Absicherung. Ein Signal, dass der Klient weiß, dass etwas nicht stimmt, es aber noch nicht aussprechen kann.

Aus diesem einen Wort entwickelt sich manchmal ein ganzes Gespräch. Kein Algorithmus hätte es erkannt.

Aber — und hier wird es für mich spannend — das bedeutet nicht, dass algorithmisches Denken keinen Platz hat. Die Insulin-Glukose-Dynamik hinter dem abendlichen Heißhunger ist Biochemie. Sie lässt sich modellieren. Die Frage ist nur, ob das Modell dem Menschen dient oder ob der Mensch dem Modell dienen soll.

Dieselbe Frage stelle ich mir bei jeder Website, die ich baue. Dient die Informationsarchitektur dem Nutzer — oder der Logik des Unternehmens? Ist die Navigation so gebaut, wie ein Mensch denkt — oder wie ein Organigramm aussieht?

Was ich daraus gelernt habe

Wenn ich heute eine Website für eine Praxis entwerfe, beginne ich nicht mit Sitemaps und Wireframes. Ich beginne mit einem Gespräch. Und in diesem Gespräch stelle ich Fragen, die ich aus der Therapie kenne, nicht aus dem Webdesign:

Wer kommt zu Ihnen? Nicht: Welche Patientengruppen behandeln Sie — sondern: Wer sitzt da, und was hat er auf dem Herzen? Was ist der häufigste Satz, den Sie im Erstgespräch hören? Was ist die häufigste Angst?

Aus den Antworten entsteht nicht eine Leistungsübersicht. Es entsteht ein Verständnis dafür, welchen Ton die Website haben muss. Welche Worte Sicherheit geben. Welche Struktur Orientierung schafft.

Das ist keine Methode, die man in einem Framework abbilden kann. Es ist das Ergebnis von fast einem Jahrzehnt therapeutischer Arbeit — und der Erkenntnis, dass die wichtigste Frage im Raum selten die ist, die gestellt wird.

Die Grenzen der Grenzen

Trotzdem wäre es unehrlich, die Sache hier zu einem glatten Schluss zu bringen: Empathie schlägt Logik. Story over.

Denn die Wahrheit ist komplizierter. Ich habe auch erlebt, dass Empathie ohne technische Kompetenz zu Websites führt, die sich warm anfühlen und drei Sicherheitslücken haben. Dass gutes Zuhören im Briefing nichts nützt, wenn die technische Umsetzung das Versprochene nicht einlöst. Dass ein einfühlsamer Ernährungsplan scheitert, wenn er die Biochemie ignoriert.

Die Grenzen von Logik zu kennen, bedeutet nicht, sie zu verachten. Es bedeutet, sie als das zu sehen, was sie ist: ein mächtiges, unverzichtbares Werkzeug — unter anderen. Und vielleicht ist genau das die schwierigste Leistung: nicht in eines der beiden Lager zu fallen, sondern die Spannung zwischen ihnen auszuhalten.

Ich bin mir nicht sicher, ob mir das immer gelingt. Aber ich versuche es — jeden Tag, in beiden Welten.


Julian Jaschinger ist Ernährungstherapeut, Ernährungspsychologe und Gründer von VerumVita® sowie PraxisPro Digital. Er baut Websites für Menschen im Gesundheitswesen — mit Code, der funktioniert, und einem Verständnis dafür, warum Funktionieren allein nicht reicht.

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