Heute Morgen haben Sie Ihre Wohnungstür hinter sich abgeschlossen, vermutlich ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Ein Schloss ist ein bemerkenswert ausgefeiltes Stück Technik, und Sie verlassen sich vollständig darauf: Ihre Sicherheit, Ihr Eigentum, Ihr ruhiger Schlaf – all das haben Sie an ein kleines Stück gezahntes Metall delegiert. Verlieren Sie den Schlüssel, stehen Sie draußen. Trotzdem schreibt niemand besorgte Essays über unsere Abhängigkeit vom Türschloss.
Halten Sie dieses Bild einen Moment neben das Unbehagen, das viele empfinden, wenn von künstlicher Intelligenz die Rede ist. Die Struktur ist auf den ersten Blick ähnlich – wir übergeben Fähigkeiten und Aufgaben an ein Werkzeug und machen uns davon abhängig. Das Gefühl vieler Menschen dazu ist ein völlig anderes. Dieser Text handelt von genau dieser Lücke: Warum die eine Abhängigkeit selbstverständlich ist und die andere uns nervös macht – und was diese Nervosität uns zu sagen hat.
Den unaugmentierten Menschen hat es nie gegeben
Der erste Reflex auf die KI-Sorge ist meist die Beruhigung, und sie hat etwas für sich. Denn der Mensch ist von jeher das augmentierte Tier.
Die Brille auf Ihrer Nase ist Technik – so vollständig in unseren Alltag eingegangen, dass wir sie gar nicht mehr als Augmentierung wahrnehmen. Niemand moralisiert darüber, dass eine Brille uns von geschliffenem Glas abhängig macht. Der Blindenstock wird in der Hand seines Nutzers buchstäblich zum verlängerten Körper; die Wahrnehmung wandert bis in seine Spitze. Der Kindersitz lagert eine Schutzfunktion aus, die wir mit bloßen Armen nicht zuverlässig leisten könnten – und wir haben sie nicht nur akzeptiert, sondern gesetzlich vorgeschrieben.
Und dann ist da die Schrift selbst. In Platons Phaidros warnt der König Thamus den Erfinder der Schrift: Sie werde Vergessen in die Seelen pflanzen, weil die Menschen sich auf äußere Zeichen verließen statt auf das eigene Gedächtnis, und sie werde den bloßen Schein von Weisheit verleihen statt der Weisheit selbst. Eine fast wörtliche Vorwegnahme der heutigen KI-Debatte – zweieinhalbtausend Jahre alt. Die Pointe: Platon hat diese Warnung aufgeschrieben. Er nutzte genau die Technik, vor der er warnte. Und die Schrift wurde nicht der Untergang des Denkens, sondern das Fundament der Zivilisation.
Der Philosoph Andy Clark hat dafür eine schöne Formel: Wir sind „natural-born cyborgs". Die Grenze des Geistes verlief nie an der Haut. Sprache, Schrift, Zahl, Landkarte, Taschenrechner, Smartphone – wir denken seit jeher mit Dingen, die außerhalb unseres Schädels liegen. Es gibt keinen reinen, unaugmentierten Menschen, zu dem wir „zurückkehren" könnten. Deshalb kann „Abhängigkeit von Technik" als solche nicht der Einwand sein. Sie ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Der Kognitionswissenschaftler John Vervaeke treibt diesen Gedanken bis an den Ursprung des Denkens selbst zurück. In seiner Serie „Awakening from the Meaning Crisis" zeichnet er nach, wie eng unser Denken mit dem Werkzeuggebrauch verwachsen ist – und vieles spricht dafür, dass es sich nicht vor, sondern mit dem Werkzeug entwickelt hat. Unser Vermögen, in die Zukunft zu greifen – zu planen, Möglichkeiten durchzuspielen, sich zu einem Ziel zu verhalten, das noch gar nicht da ist –, hat womöglich hier seine Wurzel: Wer einen Speer auf ein fliehendes Tier wirft, zielt nicht dorthin, wo es ist, sondern wohin es sein wird. Er muss die Zukunft berechnen, ehe er die Hand öffnet. Dieselbe Projektion, die den Speer trägt, trägt den Gedanken. Vom Faustkeil über den geworfenen Speer bis zum vorausgeworfenen Plan – das Denken ist selbst ein Kind des Werkzeugs.
Warum sich KI trotzdem anders anfühlt – und vielleicht anders ist
Hier wäre es bequem stehenzubleiben: Die Menschen haben sich immer gesorgt, und am Ende war es immer gut. Doch dieses Argument ist schwach. Es übersieht die Fälle, in denen eine Technik uns sehr wohl verändert hat – mit realen Kosten. Es gibt Hinweise darauf, dass die ständige Nutzung von Navigationsgeräten mit einem messbaren Rückgang unseres räumlichen Gedächtnisses einhergeht: Wer immer nur der Stimme folgt, baut die innere Landkarte gar nicht erst auf.
Man kann es aber auch anders wenden. Bindet die Navigation die bewusste Aufmerksamkeit nicht mehr, wird Kapazität frei – vielleicht für Wichtigeres. Nicht jeder Verlust ist ein Verlust; manches, was eine Technik uns abnimmt, haben wir nie vermisst. Das ist die berechtigte Hoffnung – und zugleich die Falle. Denn ob freigewordene Kapazität ein Gewinn oder ein stiller Verlust ist, hängt davon ab, was da eigentlich frei wird. Und das lässt sich nicht pauschal beantworten.
Die ehrliche Frage lautet: Was ist an KI womöglich neu?
Frühere Werkzeuge haben eng umrissene Funktionen ausgelagert. Der Taschenrechner übernimmt das Rechnen, die Suchmaschine das Auffinden, das Schloss das Bewachen – jeweils eine klar definierte Teilaufgabe. KI lagert etwas anderes aus: den offenen, integrierenden Akt, den wir gewöhnlich „Denken" nennen. Das Strukturieren eines Problems, das Abwägen, das Formulieren eines Urteils. Nicht eine Subroutine, sondern den zusammenfügenden Schritt selbst.
Und damit wird eine Unterscheidung entscheidend, die ich für den Kern der ganzen Frage halte. Ein Werkzeug kann das Periphere einer Aufgabe abnehmen – oder das Zentrale, also genau das, was die Fähigkeit, das Wachstum, das Selbst ausmacht. Eine Brille nimmt nichts Wesentliches ab; sie stellt etwas wieder her. Ein Gabelstapler nimmt das Heben ab – völlig in Ordnung im Lager, wo das Heben nicht der Punkt ist. Wenn die „Aufgabe" aber Ihr eigenes Denken ist und Sie das Denken auslagern, dann haben Sie die Sache selbst ausgelagert.
Ich kenne dieses Prinzip aus dem eigenen Körper – an der Hantelstange, beim Joggen oder auf der Matte beim LutaLivre: Anpassung verlangt Last. Die Anstrengung ist kein Defekt, den man wegoptimieren sollte – sie ist der Mechanismus. Der Muskel, der nie belastet wird, wird nicht freier, er verkümmert. Genau das gilt für die kognitive Reibung: das mühsame Suchen nach dem richtigen Wort, das Ringen mit einer Struktur. Nimmt man sie ganz weg, bekommt man keinen befreiten Geist, sondern einen entlasteten, der seine Kraft verliert. Beim Navigationsgerät war es das räumliche Gedächtnis – ein bereits dokumentierter Fall. Zwei Fragen bleiben offen, und wir werden auf sie zurückkommen. Erstens: Gehört das räumliche Gedächtnis zum Kern – oder nur zur Peripherie? Und zweitens: Was könnte bei der KI an der Reihe sein?
Nicht ob, sondern woran wir uns binden
Damit lässt sich die ursprüngliche Sorge – die Abhängigkeit – präziser fassen. Wir sind durch und durch auf anderes angewiesene Wesen; die Vorstellung völliger Selbstgenügsamkeit war immer eine Fiktion. Die Frage war nie, ob wir uns abhängig machen, sondern wovon – und wie.
Manche Abhängigkeiten machen uns mehr zu uns selbst. Ich bin auf meine Partnerin angewiesen, auf das Handwerk, das ich mir über Jahre angeeignet habe – Therapie wie Code –, auf eine Gemeinschaft, die mich trägt; und diese Bindungen nähren mich, sie verengen mich nicht. Je länger sie halten, desto mehr kann ich zu mir selbst werden. Der Türschlüssel ist eine robuste, stabile, durchschaubare Abhängigkeit: Das Schloss tut genau eine Sache, es verändert sich nicht über Nacht, und ich verstehe im Prinzip, wie es funktioniert. KI ist eine Abhängigkeit von undurchsichtigen Systemen, kontrolliert von wenigen Konzernen, die sich monatlich ändern und deren Interessen nicht zwangsläufig mit meinen übereinstimmen. In einer Praxis ist das keine theoretische Frage: Wo Klientendaten verarbeitet werden, ist Datenschutz nicht Bürokratie, sondern Patientenschutz – und zur Entscheidung, welchem System man sich anvertraut, gehört, dass jemand diese Systeme versteht, einordnet und die Praxis vor ihrer Sprunghaftigkeit schützt. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Grund, die Art der Bindung ernst zu nehmen.
Es gibt eine zweite Achse, und sie liegt mir als Frage besonders nahe. Martin Buber unterscheidet das Ich-Es vom Ich-Du. Ein Werkzeug ist ein Es – etwas, das ich gebrauche. Das Eigentümliche an KI ist, dass sie ein Du nachahmt: Sie spricht, antwortet, scheint zu verstehen. Die feine Gefahr ist eine Kategorienverwechslung – dass wir einem Es den Platz überlassen, an den ein Ich-Du gehört. Für alle, die mit Menschen arbeiten, ist das keine abstrakte Sorge. Die Begegnung mit einem Patienten, einem Klienten, einem Gegenüber ist unhintergehbar ein Du.
Und so klärt sich auch der Begriff der Freiheit, mit dem die Sorge oft beginnt. Gemeint ist selten die Freiheit von Zwang – KI zwingt mich zu nichts, sie scheint meine Möglichkeiten eher zu erweitern. Gemeint ist die Freiheit als Urheberschaft: die Fähigkeit, Autor der eigenen Gedanken und Antworten zu sein. Es gibt einen Raum zwischen Reiz und Reaktion, und in ihm wohnt die Wahl. Viktor Frankl hat die radikalste Gestalt dieser Freiheit beschrieben – die letzte der menschlichen Freiheiten, wie er sie nannte: in jeder noch so bestimmten Lage die eigene Haltung zu den Umständen zu wählen. Diese Freiheit, so Frankl, kann uns niemand nehmen; in ihr liegt unser Wachstum.
Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass KI uns zwingt, sondern dass sie – indem sie stets die fertige Antwort bereithält – diesen inneren Raum verengt. Nicht durch Gewalt, sondern durch Bequemlichkeit. Die Atrophie genau jener Lücke, in der das Überlegen wohnt. Ob ein Werkzeug diese Lücke offenhält oder füllt, verrät seine Grammatik. Den Unterschied kenne ich aus der eigenen therapeutischen Arbeit: Ein Ernährungstagebuch – Sie kennen die Form vielleicht auchals Symptom- oder Schmerztagebuch – stellt Fragen, auf die die schreibende Person antwortet, und liefert Aufzeichnungen, die sie selbst deutet; auch das ist eine Auslagerung, doch sie schwächt die Urheberschaft nicht, sie übt sie ein. Die Smartwatch dreht diese Grammatik exakt um: Sie fragt nichts, sie protokolliert lückenlos und deutet selbst. Beim Tagebuch deute ich meine Aufzeichnungen – beim Gerät deuten die Aufzeichnungen mich.
Und tatsächlich lässt sich KI auch in genau dieser Grammatik nutzen. Ich schreibe meine Blogbeiträge inzwischen mit KI-Unterstützung – auch diesen: Ich diskutiere meine Ideen, lasse mir widersprechen, die Logik meiner Gedanken prüfen. Mein Denken wird dadurch nicht ärmer, sondern klarer; nicht, weil die KI mir das Denken abnähme, sondern weil sie miir Input liefert, Rückfragen stellt und mich damit dazu veranlasst, meine Gedanken zu Ende zu denken. Genutzt wie ein Tagebuch – als etwas, das fragt und mir die Deutung lässt –, hält sie die Lücke offen, statt sie zu füllen. Es hängt, wie so oft, nicht am Werkzeug, sondern an der Art und Weise, wie es genutzt wird.
Ein Kriterium – und warum uns das angeht
Ein offenes Wort: Ich baue solche Werkzeuge – mit PraxisPro Digital, und zuerst immer für die eigene Praxis, bevor sie zu jemand anderem gehen. Ich habe also ein Interesse daran, dass Augmentierung gelingt. Gerade deshalb schulde ich Ihnen eine ehrliche Antwort statt eines Werbeversprechens.
Aus dem Gesagten entwickele ich die zentrale Hypothese dieses Blogbeitrags: Saubere Augmentierung nimmt uns das Periphere ab, um uns für das Zentrale frei zu machen. Gefährliche Augmentierung lagert das Zentrale selbst aus.
Doch diese Hypothese führt zu weiteren Fragen: Wer entscheidet eigentlich, was peripher ist und was Kern? Die Grenze liegt nicht im Werkzeug, sondern im Zweck der Tätigkeit; der Gabelstapler von eben ist im Lager ein Segen und im Kraftraum ein Betrug. Und sie verschiebt sich mit der Zeit. Die Schrift hat das Auswendighalten ganzer Epen vom Kern zur Peripherie wandern lassen, und kaum jemand trauert der verlorenen Gedächtniskunst nach – dieser Teil von Platons Sorge hat sich bestätigt und war doch harmlos, weil Speichern nie der Kern war, Verstehen schon. Die andere Hälfte seiner Warnung aber – der bloße Schein von Weisheit – hat sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst; ihr möchte ich ein andermal eigens nachgehen. Vielleicht wandert gerade die räumliche Orientierung denselben Weg: Womöglich geht es heute weniger um das Zurechtfinden im physischen Raum als im psychischen und digitalen Möglichkeitsraum. Vielleicht aber sitzt dieser neue Orientierungssinn genau auf dem alten auf – wir wissen es schlicht noch nicht. Auch das gehört zur Ehrlichkeit: Über die Wirkung dieser Werkzeuge wissen wir vieles noch nicht.
Doch die Frage, wer entscheidet, hat eine Antwort – eine unbequeme: Sie selbst. Dass niemand sie Ihnen abnehmen kann, ist nicht der Mangel des Kriteriums, sondern sein eigentlicher Gehalt. Zu entscheiden, was zählt, ist selbst der Akt, der sich nicht auslagern lässt; wer ihn abgibt, hat den Kern bereits aus der Hand gegeben, gleich um welche einzelne Fähigkeit es geht. Zwei Fallen liegen dabei nah. Die eine: Dass etwas vom Kern zur Peripherie gewandert sei, lässt sich über fast jeden Verlust erzählen – es ist die bequemste Geschichte, die es gibt. Der Unterschied zwischen gewählter und bloß bequemer Abgabe ist der zwischen „ich habe geprüft, dass ich das nicht mehr brauche" und „es fiel mir schwer, also erklärte ich es für unwichtig". Die andere: Wo Sie nicht entscheiden, entscheidet ein anderer – und wer diese Systeme anbietet, hat ein Interesse daran, die Peripherie immer weiter zu ziehen, sodass Sie ganz bequem immer mehr aus der Hand geben. Das gilt nicht nur individuell, sondern auch gesamtgesellschaftlich.
Für eine Praxis heißt das aus meiner Perspektive sehr konkret: Geben Sie der KI die Gabelstapler-Arbeit und behalten Sie, was nur Sie können - das Urteil, die Sorgfalt, die Begegnung mit dem Menschen vor Ihnen. Nutzen Sie KI, um zu diesem Menschen zurückzukehren – zur Klientin, zum Patienten, zum Hilfesuchenden –, nicht, um sich zu entfernen.
Die richtige Frage vor der Einführung eines Werkzeugs ist deshalb vielleicht nicht nur „Macht mich das produktiver?" Sondern: „Schützt und erweitert das den Raum für das, was nur ich tun kann – oder besetzt es ihn still und leise?" Der Haustürschlüssel hat uns davon befreit, Wache vor der eigenen Tür zu stehen, damit wir unbeschwert hinausgehen, wirtschaften und leben konnten - ohne ständige Angst davor, dass uns die Früchte unserer Arbeit entrissen werden. Der Prüfstein für die KI ist, ob sie uns in unser Leben zurückbringt – oder ausgerechnet den Teil ersetzt, der der Punkt war.
Wenn Sie diese Frage für Ihre eigene Praxis durchgehen möchten – welche Arbeit Sie abgeben können, ohne das Zentrale aus der Hand zu geben –, dann ist das genau der Punkt, an dem ich gern mit Ihnen beginne. Einen Überblick, woran ich mit PraxisPro Digital arbeite, finden Sie hier; und wenn Sie lieber direkt sprechen möchten, schreiben Sie mir.
Julian Jaschinger ist Ernährungstherapeut, Ernährungspsychologe und Gründer von VerumVita® sowie PraxisPro Digital. Er baut Websites für Ärzt*innen, Therapeut*innen und Gesundheitsdienstleister — mit der Frage im Hinterkopf, welche Arbeit eine Maschine abnehmen darf und welche dem Menschen gehört.
