Der letzte Beitrag endete mit einem Wort, das ich mir bei Hartmut Rosa geliehen hatte, und mit einem Satz, der mehr Hoffnung war als Plan: Vielleicht ist das der nächste Gedanke. Er ist es geworden. Nicht zum Termin, sondern einen Tag nachdem ich den Beitrag veröffentlicht hatte. So ist es häufig - ich schließe einen Gedanken ab und schaffe damit Raum für einen neuen.
Was verfügbar heißt
Rosas kleines Buch von 2018 beginnt mit dem ersten Schnee. Man wacht auf, das Licht im Zimmer ist anders, und man weiß es, bevor man aus dem Fenster gesehen hat. Niemand kann den Schnee kontrollieren. Man kann ihn nicht herbeiholen, nicht zurückhalten, nicht für nächstes Jahr aufsparen. Und genau aus diesen Gründen, sagt Rosa, rührt er uns an. Etwas, das man auf Knopfdruck hätte, wäre Kunstschnee und der fühlt sich nun mal ganz anders an.
Die Moderne, so seine These, ist das Programm, die Welt verfügbar zu machen – in vier Schritten: sichtbar machen, erreichbar machen, beherrschbar machen, nutzbar machen. Er stellt klar, dass er das nicht grundsätzlich negativ sieht; dass es aber unser Weltverhältnis signifikant verändert. Der Wasserhahn, der Impfstoff, die Terminbuchung um Mitternacht: alles Verfügbarmachung, und ich möchte nichts davon ändern. Rosa beobachtet die Veränderung in unserem Weltverhältnis in etwa so: Was uns ganz verfügbar geworden ist, hat uns nichts mehr zu sagen. Es antwortet nicht mehr, es liefert nur noch. Lebendig wird eine Beziehung zur Welt erst dort, wo wir mit etwas verbunden sind, das wir nicht kontrollieren, nicht verfügbar machen können – ein Gespräch, das eine überraschende Wendung nimmt, ein Buch, das einen packt, eine Einsicht, die einen aus dem Nichts zu treffen scheint.
Beides zugleich
Was mich an dem Gedanken nachhaltig beschäftigt, ist die Ambivalenz, die er offenlegt. Wir wollen beides. Wir wollen mehr unter unsere Kontrolle bringen – Gesundheit, Zeit, Zukunft, das eigene Gewicht, den nächsten Winter – und wir sehnen uns zugleich nach dem, was sich der Kontrolle entzieht. Freud hat das im Unbehagen in der Kultur trocken formuliert: Wir seien so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig. Und derselbe Freud schrieb im September 1907 aus Rom an den jungen C. G. Jung, der gerade auf einem Kongress in Amsterdam für die Psychoanalyse verlacht worden war: „Die Jahre des Kampfes werden Ihnen einmal in der Erinnerung als die schönsten erscheinen." Der Satz steht in keinem Lehrbuch, sondern mitten in einer Kampfansage; unmittelbar davor heißt es: „Gründen wir unsere Zeitschrift. Man wird schimpfen, kaufen und lesen." Ein Mann, der mit aller Kraft daran arbeitet, seiner Sache Anerkennung zu verschaffen – sie sichtbar, erreichbar, nutzbar zu machen –, sagt im selben Atemzug, dass die Zeit davor die schönste sein wird. Die Ambivalenz in einem Absatz. Und vielleicht ihre Erklärung: Ein Leben, in dem alles verfügbar wäre, wäre ein Leben ohne Kontrast.
Ich halte diese Ambivalenz für unauflösbar, und ich schreibe das nicht resignierend. Sie ist kein Konstruktionsfehler, den man mit der richtigen Philosophie beheben könnte. Sie verschiebt nur die Frage. Wir können uns nicht entscheiden zwischen unserem Bedürfnis nach Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit, aber vielleicht können wir wählen, wo wir welche wollen. Welche Bereiche unseres Lebens sollen sichtbar, erreichbar, beherrschbar, nutzbar werden – und welche sollen es ausdrücklich nicht? Das ist eine Frage für jeden Einzelnen, und es ist eine Frage für unsere Gesellschaft. In mindestens einem Bereich hat unsere Gesellschaft sie meines Erachtens falsch beantwortet, und zwar dort, wo ich arbeite.
Der Beleg und das Belegte
Wer heute in Deutschland pflegt, therapiert, behandelt, dokumentiert - und das zunehmend mehr. Nicht nebenbei, sondern in einem Umfang, der die Arbeit selbst zurückdrängt: Berichte, Nachweise, Verlaufsbögen, Anträge, Begründungen, Bewertungsskalen. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, wie es sich anfühlt, einen Bericht an einen Kostenträger zu schreiben: Ein Formular hat vor mir entschieden, welche Felder es gibt, wie viel Platz sie einnehmen und was ich über einen Menschen weiß, muss in diese Felder passen. Was nicht hineinpasst, existiert für den Empfänger nicht. Egal wie wichtig es dem Menschen ist, über den ich schreibe.
Was dabei geschieht, lässt sich mit Rosas Worten genau benennen. Wir wollen die Qualität der Arbeit verfügbar machen – sichtbar, prüfbar, vergleichbar, abrechenbar. Jedes Feld auf jedem Bogen ist ein Versuch der Verfügbarmachung. Aber jedes Feld kostet Zeit, und es kostet sie aus denselben Stunden, in denen die Qualität überhaupt nur entstehen kann: in der Zeit mit dem Menschen, mit dem man arbeitet; den man behandelt. Der Beleg verdrängt das, was er belegen soll. Wir machen den Nachweis verfügbar aber das, was er nachweisen soll, bleibt unverfügbar - wird sogar noch unverfügbarer.
Das ist kein Plädoyer gegen Dokumentation per se; auch wenn ich glaube, dass wir uns an dieser Stelle gesellschaftlich ins eigene Bein geschossen haben. Ich habe im letzten Beitrag geschrieben, dass eine Maschine in der richtigen Reihenfolge das Beste sein kann, was der Dokumentation seit dem Diktiergerät passiert ist, und ich denke, dass Künstliche Intelligenz und clevere Programmierung eine echte Chance darstellen, um wieder mehr wertvolle Zeit zur Verfügung zu haben, um mit seinen Klient:innen/Patient:innen sprechen und diese verstehen zu können. Und es ist ein Plädoyer dafür, die Frage zu stellen, die vor der Dokumentation kommt: Was von dem, was in einem Behandlungszimmer wirkt, lässt sich überhaupt schriftlich festhalten – und was nicht, egal wie gut das Feld gebaut ist?
Eine Handvoll Gewürze
Irvin Yalom erzählt am Anfang seines Buchs Der Panama-Hut eine Geschichte, die mir seit Jahren nachgeht. Er hatte einen Kochkurs bei einer armenischen Matriarchin besucht, sich jedes Rezept genau notiert, zu Hause jede Zutat abgewogen – und nichts schmeckte wie bei ihr. Bis er eines Tages genauer hinsah: Auf dem Weg zum Ofen warf ihre Gehilfin, ohne dass jemand darauf achtete, noch eine Handvoll Gewürze über das Gericht. Nicht im Rezept. Nicht abgemessen. Yalom nennt das, was in der Therapie wirkt, seitdem „Throw-ins": die unnotierten, ungeplanten Gesten – ein Satz beim Hinausgehen, eine spontane Frage, ein Moment, in dem der Therapeut etwas von sich selbst offenbart.
Ich kenne diese Handvoll Gewürze. Sowohl als Patient in der Psychotherapie als auch als Therapeut in der Ernährungspsychologie. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie eine Klientin mir berichtete, dass eine kleine menschliche Geste des mitfühlenden Verstehens in einem vulnerablen Moment, die für mich selbstverständlich war, noch Monate oder sogar Jahre nachgewirkt hat.
Was an solchen Momenten auffällt, ist nicht nur, dass sie im Bericht fehlen. Sie können dort nicht stehen, und zwar aus einem Grund, der tiefer liegt als jedes Formular: Sie lassen sich nicht planen und nicht angemessen in sachlich beschreibende Worte fassen. Hätte ich mir den Satz vorgenommen, wäre er eine im Voraus geplante Technik gewesen, und der Mensch mir gegenüber hätte es gespürt und nicht als resonant wahrgenommen.
Die Handvoll Gewürze wirkt, weil sie nicht im Rezept steht. Sie ist unverfügbar im exakten Sinn Rosas: Sie geschieht, oder sie geschieht nicht.
Emmanuel Lévinas schreibt in Totalität und Unendlichkeit, die Dimension des Göttlichen öffne sich vom menschlichen Antlitz her. Man muss nicht religiös sein, um zu verstehen, was gemeint ist: Das, worauf es zwischen zwei Menschen ankommt, gehört keinem von beiden, und niemand kann es herstellen. Ich habe im August argumentiert, dass eine Maschine vieles übernehmen, aber uns Menschen nicht wirklich fürsorglich beistehen kann, weil ihr nichts geschehen kann. Hier zeigt sich die andere Seite derselben Sache: Beistand lässt sich nicht nur nicht übernehmen. Er lässt sich auch nicht dokumentieren. Aus demselben Grund. Er ist keine sachlich zu erfassende Information bzw. ihn sachlich auszudrücken, nimmt ihm den Zauber.
Auf zwei Stühlen
Jetzt muss ich etwas zugeben. Mein zweiter Beruf besteht aus nichts anderem als Verfügbarmachung und ich mag genau diesen Part davon sehr. Software tut nichts sonst: Sie macht sichtbar (das Dashboard), erreichbar (die Terminbuchung um Mitternacht), beherrschbar (das Formular, das keine leeren Pflichtfelder durchlässt), nutzbar (der Export). Wer einer Praxis ein digitales Werkzeug baut, betreibt Rosas Programm der Verfügbar-Machung im Kleinen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, sondern kann, wie in meinem Fall, einen sehr angenehmen Kontrast zur unverfügbaren Arbeit mit Menschen in meiner Rolle als Therapeut darstellen. Aber es macht die Frage aus meiner Perspektive zu einer beruflichen sowie ethischen Frage:
Was in einer Praxis darf verfügbar werden, und was nicht?
Ich sitze auf beiden Stühlen, und die Unterscheidung, die ich treffe, sieht so aus. Verfügbar werden darf alles, was zwischen einem Menschen und dem Behandlungszimmer steht: der Weg zum Termin, das Rezept, die Überweisung, die Frage, ob die Praxis am Freitag geöffnet hat, ggfs. sogar der Bericht, der nach dem Gespräch geschrieben werden muss. Jede Minute Reibung dort ist eine Minute, die aus der Zeit im Zimmer bezahlt wird – die MFA, die zum vierten Mal dieselbe Öffnungszeit ins Telefon sagt, bezahlt sie aus der Zeit mit dem Menschen am Tresen oder dem Austausch mit Kolleg:innen. Diese Reibung wegzunehmen, ist Verfügbarmachung im Dienst des Unverfügbaren. Rosa selbst sagt, dass Resonanz nicht das schlicht Unerreichbare braucht, sondern etwas, das unverfügbar bleibt und trotzdem erreichbar ist.
Erreichbar machen ist genau das, was Technik gut kann. Was dann im Zimmer geschieht, kann sie nicht leisten, und sie soll es nach meiner Überzeugung auch nicht versuchen.
Deshalb endet die Software, die ich für Praxen baue, an der Tür des Behandlungsraums. Ich habe im Juli vorgeschlagen, Werkzeuge daran zu prüfen, wer fragt, wer antwortet, wer deutet. Hier kommt eine zweite Probe hinzu: Nimmt das Werkzeug Reibung vor der Begegnung weg, oder greift es in die Begegnung ein? Ein Formular, das die Anmeldung erleichtert, bleibt vor der Tür stehen. Ein Formular, das während des Gesprächs ausgefüllt werden muss, sitzt mit im Raum und verändert die Dynamik. Eine Maschine, die nach dem Gespräch aus meinem Diktat den Bericht ordnet, steht vor der Tür – wobei hier datenschutzrechtliche und ethische Fragen gestellt werden müssen. Eine, die das Gespräch mithört, sitzt mit im Raum, auch wenn sie den Bericht erst hinterher schreibt. Und eine, die mir während des Gesprächs vorschlägt, was ich als Nächstes fragen soll, erst recht.
In meiner ernährungstherapeutischen Praxis ist die Linie weniger sauber, als ich sie auf den ersten Blick gern gehabt hätte. Als Therapeut sitze ich selbst nicht ohne Werkzeug im Raum. Wenn ich mitschreibe, sind es gleich drei: Stift, Papier, Klemmbrett – und genau genommen ein viertes, die Schrift. Schon das verändert die Situation; wer sieht, dass mitgeschrieben wird, öffnet sich womöglich weniger. Kein Werkzeug sitzt neutral im Raum, meines auch nicht. Deshalb entscheide ich in jedem Gespräch neu, wann ich schreibe – und ausgerechnet in den Momenten, in denen es am meisten aufzuschreiben gäbe, schreibe ich nicht. Diese Entscheidung steht in keinem Rezept. Sie gehört selbst zur Handvoll Gewürze.
Der Schnee
Der Stapel, von dem ich vor zwei Wochen erzählt habe, war im Kleinen dieselbe Bewegung wie die Dokumentationspflicht im Großen: der Versuch, das Unverfügbare auf Vorrat zu legen. Acht Gedanken, im Voraus verfügbar gemacht, damit der Termin nicht ohne Text bleibt. Sie waren, wie Kunstschnee, technisch einwandfrei. Aber sie waren nicht das, was es zwischen zwei Menschen braucht, um lebendig zu werden. Sie waren nicht das, was mich als Autor mit Ihnen als Leser:in verbindet.
Das, was es braucht, um einen neuen Blogbeitrag zu veröffentlichen, bleibt unverfügbar. Ich kann es nicht kontrollieren. Ich kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen es geschehen kann. Und dann hoffen, dass es geschieht. Dass ich in regelmäßigen Abständen Gedanken habe, die Sie lesen, dass diese Gedanken etwas in Ihnen berühren und Sie im besten Fall dazu inspirieren, über Ihre Nutzung von Technik in der Praxis nachzudenken.
Dass Sie sich fragen, was Sie verfügbar machen wollen und was auf keinen Fall.
Wenn Sie in Ihrer Praxis einmal durchgehen möchten, welche Reibung vor der Tür liegt und welche Werkzeuge längst mit im Raum sitzen, ist das ein Gespräch, das ich gern führe – aus beiden Berufen heraus. Woran ich mit PraxisPro Digital arbeite, sehen Sie hier; und wenn Sie lieber direkt sprechen möchten, schreiben Sie mir.
Julian Jaschinger ist Ernährungstherapeut, Ernährungspsychologe und Gründer von VerumVita® sowie PraxisPro Digital. Er baut Websites und digitale Werkzeuge für Ärzt*innen, Therapeut*innen und Gesundheitsdienstleister — mit der Frage im Hinterkopf, welche Arbeit eine Maschine abnehmen darf und welche dem Menschen gehört.
