Die Grammatik

Über Tagebücher, Smartwatches und die Frage, wer in den Sätzen unserer Werkzeuge das Subjekt ist – und wer das Objekt

Die Grammatik

Eine Klientin legt ihre Uhr auf den Tisch, das Display zu mir gedreht. „Mein Schlaf-Score liegt seit drei Wochen unter fünfzig“, sagt sie. Ich frage, wie sie denn geschlafen hat. Sie stockt – und schaut auf die Uhr.

So oder so ähnlich spielt sich diese Szene inzwischen in vielen Sprechzimmern ab – schnell vorbei, leicht zu übergehen. Mich lässt sie nicht los. Da sitzt ein Mensch, der jede dieser Nächte selbst durchlebt hat – das Einschlafen, das Wachliegen, das Gedankenkreisen um zwei –, und nach diesen Nächten gefragt, sucht er die Antwort auf einem Display. Nicht, weil er nichts zu erzählen hätte. Sondern weil das Gerät schon geantwortet hatte, bevor irgendjemand eine Frage stellte.

An dem Satz fällt noch etwas anderes auf, etwas im Wortsinn Grammatisches. „Mein Schlaf-Score liegt unter fünfzig“ – das Subjekt dieses Satzes ist der Score. Die Frau, die all diese Nächte geschlafen hat, kommt darin nur noch als Possessivpronomen vor. Mein. Mehr Platz hat der Satz für sie nicht.

Ich kenne die Gegenprobe aus der täglichen Arbeit. Seit Jahren gebe ich Menschen in der Ernährungstherapie ein Ernährungstagebuch mit – der Form nach ein enger Verwandter des Symptomtagebuchs und des Schmerzprotokolls. Wenn eine Klientin nach zwei Wochen wiederkommt, klingen ihre Sätze anders: „Mir ist aufgefallen, dass ich abends esse, wenn ich mittags durchgearbeitet habe.“ Mir ist aufgefallen. Das Heft hat Fragen gestellt, sie hat geantwortet, und die erste Deutung gehört ihr – wir schärfen sie dann gemeinsam nach.

Zwei Werkzeuge, auf dem Papier dieselbe Aufgabe: aufzeichnen, was ein Mensch an sich selbst nicht durchgehend beobachten kann. Und doch stellen sie diesen Menschen an entgegengesetzte Enden des Satzes.

Ein Wort, das zunächst zu klein wirkt

Ich habe für diesen Unterschied lange nach einem Namen gesucht und bin bei einem gelandet, der erst einmal harmlos und vielleicht nach Deutschunterricht klingt: Grammatik. Grammatik regelt, wer in einem Satz handelt und mit wem gehandelt wird – wer Subjekt ist und wer Objekt. Werkzeuge tun dasselbe, nur nicht mit Wörtern, sondern mit uns. Jedes Werkzeug, das Informationen sammelt, ordnet oder weitergibt, verteilt drei Rollen: Es legt fest, wer die Fragen stellt. Wer antwortet. Und wer am Ende deutet, was die Antworten bedeuten.

Wittgenstein hat einmal zwischen der Oberflächengrammatik eines Wortes und seiner Tiefengrammatik unterschieden – zwischen dem, wie ein Wort klingt, und dem, was sich mit ihm tatsächlich tun lässt. Genau diese Unterscheidung braucht man hier. An der Oberfläche gleichen sich Tagebuch und Uhr: Beide „dokumentieren“, beide „tracken“, beide erzeugen Kurven über einen Alltag. In der Tiefe sind sie entgegengesetzt gebaut. Beim Tagebuch stellt der Bogen die Fragen, der Mensch antwortet, und die Deutung bleibt bei ihm, im Gespräch bei uns beiden. Die Uhr dagegen stellt keine Fragen: Geantwortet wird unwillkürlich, mit Puls, Bewegung, Hauttemperatur – und die Deutung liefert das Gerät gleich mit, als Zahl zwischen null und hundert, fertig zum Erschrecken.

Ein System, das mir zuarbeitet, damit ich urteile, hat die Grammatik des Tagebuchs. Ein System, das fertig urteilt, damit ich nur noch nicke, hat die Grammatik der Smartwatch – wie zugewandt es dabei auch spricht.

Gegen fertige Urteile als solche ist damit nichts gesagt. Es gibt Aufgaben, bei denen ich froh bin, dass ein Gerät nicht diskutiert – der Rauchmelder soll nicht mit mir in den Dialog treten – auch wenn ein Fehlalarm nervt. Die Frage ist, wie nah eine Aufgabe am Kern der eigenen Arbeit liegt; ob ein Werkzeug uns dort mit der Zeit verändert oder abhängig macht, ist noch einmal eine eigene Frage – ich bin ihr an anderer Stelle nachgegangen –, und sie lässt sich oft erst nach Monaten beantworten. Das Nützliche an der Grammatik-Probe ist, dass sie vor all dem kommt. Ich muss kein Sprachmodell verstehen, keine Anbieter vergleichen, kein Datenblatt lesen – sie funktioniert am Papierbogen genauso wie an der neuesten KI. Die Grammatik steht am ersten Tag fest. Man kann sie lesen, bevor man kauft.

Ein Rundgang durchs Behandlungszimmer

Mit den drei Fragen lässt sich das Inventar der eigenen Praxis durchgehen.

Der Anamnesebogen sieht aus wie Tagebuch-Grammatik in Reinform: Er fragt, der Klient antwortet, die Deutung wartet auf die Behandlerin. Aber auch eine Frage kann heimlich urteilen. „Wie oft essen Sie abends aus Frust?“ – das Urteil steckt schon in zwei Wörtern. Wer so gefragt wird, kann nur noch die Häufigkeit eines Befundes beziffern, den er nicht selbst gestellt hat. „Wann greifen Sie abends zu etwas – und was geht dem meistens voraus?“ lässt sich schlechter auswerten; dafür erzählt wieder der Mensch. Und neuerdings gibt es Bögen, die ihre Antworten gleich selbst auswerten und eine fertige Einordnung anbieten – ein Risiko-Flag, einen Score, eine Verdachtsrichtung. Das kann Zeit sparen, und manchmal ist es genau richtig. Man sollte nur den Moment bemerken, in dem aus dem Bogen eine kleine Uhr geworden ist.

Ein Doku-System ist, recht besehen, ein Anamnesebogen aus Code – und dort wird es gerade am interessantesten, weil die KI einzieht. Ein System, das mein Gespräch transkribiert und mir einen Entwurf anbietet, den ich prüfe, kürze und umformuliere, arbeitet mir zu – die Formulierung, auf die es ankommt, bleibt meine. Ein System, das aus demselben Gespräch die Einschätzung bereits ausformuliert hat, bevor ich sie gedacht habe, vertauscht die Rollen – leiser, als man erwartet. Denn der vorgeschlagene Satz ist ja meistens plausibel. Widersprechen kostet Kraft, Nicken kostet keine; ein Werkzeug, das immer schon formuliert hat, verlagert diese Kosten stillschweigend auf die Seite des Widerspruchs. Kein einzelner Vorschlag ist dabei das Problem – das Problem ist die Satzstellung, die sich einschleift.

Ich schreibe das nicht von der Zuschauertribüne aus. Ich baue solche Systeme selbst – einen KI-Telefonassistenten zum Beispiel, der seine ersten Anrufe in meiner eigenen Praxis entgegengenommen hat. Beim Bauen hört die Grammatik auf, eine Metapher zu sein; sie steht buchstäblich im Code. Was fragt der Assistent? Was darf er selbst beantworten – einen freien Termin, eine Öffnungszeit? Aber es ist an mir, die Grenzen zu definieren und die Deutung zu behalten: Was darf er nicht beantworten, sondern nur weitergeben? Und wie bleiben wir uns darüber bewusst, dass es kein er/sie ist, sondern ein es bleibt?

Sätze lassen sich umstellen

Und die Klientin mit dem Schlaf-Score? An ihr zeigt sich die vielleicht wichtigste Nuance: Die Grammatik eines Werkzeugs ist kein Schicksal. Sie steckt zur Hälfte im Bau – und zur anderen Hälfte in dem Satz, in dem wir das Werkzeug benutzen. Die Probe ist mit dem Kauf also nicht erledigt; sie entscheidet sich jeden Tag neu, in der Art der Verwendung. Und die Satzstellung lässt sich ändern.

Die Uhr muss dafür nicht vom Tisch verschwinden. Ihre Urteile lassen sich als Rohmaterial behandeln: „Was war das für eine Nacht, die die Uhr da mit siebenundvierzig bewertet hat?“ Die Zahl wird von der Antwort zur Frage zurückgebaut – und der Mensch gegenüber beginnt wieder in der ersten Person zu erzählen: vom späten Essen, vom Streit, von der Sorge, die um zwei wach lag – lauter Dinge, von denen die Uhr zum Glück nichts weiß. Aus dem Objekt des Scores wird wieder das Subjekt der eigenen Nacht. So gelesen können Wearable-Daten in der Sprechstunde sogar wertvoll sein: nicht als Befund, sondern als Anlass, genauer zu fragen.

Das gelingt allerdings nicht immer und schon gar nicht bei jedem Werkzeug. Manche Systeme geben ihr Rohmaterial nicht her; sie zeigen nur das Urteil, und wer wissen will, wie es zustande kam, greift ins Leere. Solche Werkzeuge kann man nicht umstellen, man kann sich ihnen nur überlassen – oder auf sie verzichten. Daraus ziehe ich für mich eine Auswahlregel: Werkzeuge bevorzugen, die Material liefern statt Urteile – oder deren Urteile sich öffnen lassen, sodass sichtbar wird, woraus sie gemacht sind. Und für die nächste Produktvorführung eine Bitte, die alle drei Fragen in einem Satz bündelt: „Zeigen Sie mir, wo ich widersprechen kann.“ Ein Werkzeug mit Tagebuch-Grammatik hat darauf eine gute Antwort – hier sind die Rohdaten, hier ändern Sie den Vorschlag, hier hat Ihr Urteil das letzte Wort. Ein Werkzeug mit Uhren-Grammatik reagiert auf diese Bitte erstaunlicherweise gar nicht.

Eines aber entscheidet sich weder beim Kauf noch in der einzelnen Sprechstunde, sondern erst über die Zeit. Wer sich angewöhnt, zuerst die Uhr zu befragen – wie habe ich geschlafen, bin ich gestresst, eigentlich müde? – und erst danach in sich selbst hineinzuhören, übt eine Reihenfolge ein, die nicht folgenlos bleibt. Die innere Wahrnehmung, die nicht mehr gebraucht wird, meldet sich mit der Zeit leiser; was man nicht mehr abruft, bildet sich zurück. Damit rührt die Grammatik-Probe an die Frage, die ich anfangs beiseiteließ und bereits im letzten Blogbeitrag gestellt habe – wenn ein Werkzeug uns mit der Zeit verändert: Nimmt es das Periphere ab oder das Zentrale?

Beim Schlaf-Score ist das Zentrale aus meiner Perspektive die Fähigkeit, den eigenen Zustand von innen zu kennen, statt ihn abzulesen; eine Selbsterkenntnis, die nur noch die Zahl liest und das fühlende Subjekt überspringt, um das es doch angeblich geht, verfehlt am Ende sich selbst – ein Gedanke, dem ich unter dem Bild von Kompass und Landkarte eigens nachgegangen bin. Auch deshalb lohnt es, die Zahl zur Frage zurückzubauen: nicht nur, damit dieses eine Gespräch dem Menschen gehört, sondern damit die Fähigkeit, sich selbst zu spüren, überhaupt geübt bleibt.

Die Probe

Ehrlicherweise: Die Probe beantwortet nicht alles. Ein Werkzeug mit tadelloser Grammatik kann schlecht gebaut, unsicher oder überteuert sein; Datenschutz, Qualität und Kosten bleiben eigene Prüfungen. Die Grammatik sagt nicht, ob ein Werkzeug gut ist. Sie sagt, welchen Platz es mir zuweist, solange ich es benutze.

Vielleicht mögen Sie die Probe einmal machen. Nehmen Sie irgendein Werkzeug Ihrer Praxis – den Bogen im Wartezimmer, das Doku-System, das Programm, das seit Neuestem „KI-gestützt“ heißt – und lesen Sie es wie einen Satz:

  • Wer stellt die Fragen?
  • Wer antwortet?
  • Wer deutet?

Und dann die eine Frage, auf die alle drei hinauslaufen: Sind Sie in den Sätzen dieses Werkzeugs noch das Subjekt – oder schon das Objekt?

Solange ich deute, was die Maschine liefert, ist sie mein Werkzeug. Sobald sie deutet, was ich liefere, bin ich ihres.

Wenn Sie die drei Fragen einmal gemeinsam durch Ihre Praxis tragen möchten – vom Anamnesebogen bis zum KI-Assistenten –, ist das ein Gespräch, das ich gern führe. Woran ich mit PraxisPro Digital arbeite – und nach welcher Grammatik –, sehen Sie hier; und wenn Sie lieber direkt sprechen möchten, schreiben Sie mir.


Julian Jaschinger ist Ernährungstherapeut, Ernährungspsychologe und Gründer von VerumVita® sowie PraxisPro Digital. Er baut Websites und digitale Werkzeuge für Ärzt*innen, Therapeut*innen und Gesundheitsdienstleister – mit der Frage im Hinterkopf, wer in den Sätzen eines Werkzeugs das Subjekt bleibt.

kuenstliche-intelligenzkidigitale-werkzeugegesundheitswesendokumentationwearablesphilosophieaerztetherapeutenpraxis-website
← Alle Beiträge