Der Umweg

Warum der gerade Weg in die Spezialisierung nicht immer der kürzeste ist — und was das mit Praxis-Websites zu tun hat

Der Umweg

Letzte Woche fragte mich ein Bekannter, was ich beruflich mache. Ich holte Luft.

Ernährungstherapeut. Ernährungspsychologe. Webentwickler. Unternehmer. Zwei Firmen. Und ab und zu schreibe ich.

Er sah mich an, wie man jemanden ansieht, der seine Autobahnausfahrt verpasst hat — nicht einmal, sondern viermal. Dann sagte er: „Aber was davon machst du richtig?"

Er meinte es nicht böse. Er meinte es so, wie es die meisten meinen würden: Fokussier dich. Mach eine Sache. Mach sie gut. Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Es ist einer dieser Sätze, die so selbstverständlich klingen, dass man sie selten prüft.


Der Leisten, der nicht passt

In der klassischen Erzählung funktioniert beruflicher Erfolg wie ein Brunnen: Man gräbt an einer Stelle, immer tiefer, bis man auf Wasser stößt. Wer stattdessen an fünf Stellen gleichzeitig gräbt, hat am Ende fünf flache Löcher und kein Wasser.

Ich kenne diese Erzählung. Ich habe sie lange geglaubt. Und ich habe mich lange dafür geschämt, dass mein beruflicher Weg eher aussieht wie ein Flussdelta als wie ein Brunnen.

Die Sache ist nur: Es gibt Belege dafür, dass die Brunnen-Metapher nicht stimmt — zumindest nicht als allgemeine Regel.

David Epstein hat in Range eine Fülle von Studien zusammengetragen, die zeigen, dass Menschen mit breitem Erfahrungsspektrum in vielen Bereichen — von der Wissenschaft über die Musik bis zur Wirtschaft — langfristig erfolgreicher sind als frühe Spezialisierer. Nicht trotz ihrer Umwege, sondern wegen ihnen. Weil unterschiedliche Disziplinen Denkwerkzeuge liefern, die sich gegenseitig schärfen. Weil Analogien zwischen Feldern oft die Durchbrüche erzeugen, die innerhalb eines Feldes unsichtbar bleiben.

Das klingt ermutigend. Vielleicht zu ermutigend. Also möchte ich genauer hinsehen.

Wo die These hält

In meiner eigenen Arbeit kann ich die These an einem konkreten Beispiel prüfen.

Vor einigen Monaten saß ich im Briefing-Gespräch mit einer Physiotherapeutin. Sie beschrieb ihre Patientinnen: Menschen nach Operationen, chronische Schmerzpatientinnen, ältere Menschen mit Bewegungseinschränkungen. Und sie sagte einen Satz, den ich sofort erkannte: „Die meisten kommen nicht, weil sie keine Übungen kennen. Die kommen, weil sie alleine nicht anfangen."

Ich erkannte den Satz, weil ich ihn in der Ernährungstherapie hundertfach gehört habe. Nicht wörtlich, aber strukturell. „Ich weiß eigentlich, was ich essen sollte" — und dann folgt ein Aber, das wichtiger ist als alles Wissen. Die Hürde ist selten Information. Die Hürde ist der erste Schritt.

Aus dieser Erkenntnis — die aus der Therapie stammt, nicht aus dem Webdesign — entstand eine Startseite, die nicht mit Leistungen beginnt, sondern mit einem einzigen Satz: Der erste Schritt ist, hier zu sein. Danach: eine klare Handlung. Termin vereinbaren. Nicht fünf Optionen, sondern eine.

Ein reiner Webentwickler hätte eine saubere, funktionale Seite gebaut. Ein reiner Therapeut hätte einen empathischen Text geschrieben. Aber die Verbindung — das gleichzeitige Verstehen von therapeutischer Dynamik und technischer Umsetzung — entsteht nur an der Kreuzung.

Ich habe in einem früheren Beitrag darüber geschrieben, dass die eigentliche Kompetenz im Übersetzen zwischen Sprachen liegt. Hier möchte ich einen Schritt weitergehen: Die Fähigkeit zu übersetzen setzt voraus, dass man mehrere Sprachen gelernt hat. Und jede Sprache — Biochemie, Psychologie, Code, Philosophie — verändert nicht nur, was man sagen kann, sondern was man sehen kann. (Wie das Gehirn dieses Pendeln zwischen Sprachen tatsächlich verarbeitet — und warum die Pausen dazwischen keine verschwendete Zeit sind —, beschreibe ich in „Das Dazwischen".)

Wo die These bricht

Es wäre bequem, hier aufzuhören. Breite schlägt Tiefe. Umwege sind der bessere Weg. Fertig.

Aber so einfach ist es nicht. Und ich misstraue — wie Epstein selbst anmerkt — jeder These, die zu gut klingt.

Denn ich kenne auch die andere Seite. Ich kenne den Moment, in dem ich als Autodidakt an eine technische Grenze stoße, die ein ausgebildeter Informatiker in dreißig Sekunden gelöst hätte. Ich kenne die Wochen, in denen ich mir ein Konzept aus der Softwarearchitektur erarbeite, das in einem Informatikstudium ein Semester füllt. Breite hat einen Preis — und der Preis heißt Tiefe.

Es gibt Bereiche, in denen Spezialisierung nicht verhandelbar ist. Ich möchte keinen Herzchirurgen, der „auch ein bisschen Neurologie macht". Ich möchte keinen Statiker, der sich „breit aufgestellt" hat. Manche Probleme erfordern zehn Jahre in einem einzigen Bohrloch.

Die Frage ist nicht: Breite oder Tiefe? Die Frage ist: Welches Problem versuche ich zu lösen — und welche Art von Wissen braucht es dafür?

Der T-Shaped Practitioner

In meinem ersten Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, wie sich der Wert einer Kompetenz verschiebt, wenn die Werkzeuge mächtiger werden. Die Pointe war: Der Wert liegt zunehmend nicht im Handwerk selbst, sondern im Urteilsvermögen.

Hier fügt sich etwas zusammen. Denn Urteilsvermögen — die Fähigkeit zu entscheiden, wann ein Ratschlag passt und wann nicht, wann ein Muster anwendbar ist und wann gefährlich — entsteht nicht durch Vertiefung allein. Es entsteht durch Kontrast. Durch die Erfahrung, ein Problem mit den Werkzeugen einer Disziplin betrachtet zu haben und dann festzustellen, dass eine andere Disziplin es besser beschreibt.

In der Ernährungstherapie erlebe ich das ständig. Ein Klient kommt mit einer Frage, die biologisch klingt — „Warum nehme ich nicht ab?" — und die Antwort liegt in der Psychologie. Oder umgekehrt: Ein Problem, das psychologisch wirkt — „Ich habe keinen Antrieb" — hat seinen Ursprung in der Biochemie. Wer nur eines der beiden Werkzeuge hat, sieht nur die Hälfte.

Dieselbe Dynamik bei Websites. In meinem Beitrag über die Grenzen von Logik habe ich beschrieben, wie eine rein technische Herangehensweise das Menschliche verfehlt. Breite schützt vor diesem blinden Fleck — nicht immer, aber öfter als Tiefe allein.

Was mich wirklich beschäftigt

Die Frage, die mich seit der Lektüre von Epstein nicht loslässt, ist nicht: Habe ich recht gehabt, mich nicht zu spezialisieren? Das wäre Selbstbestätigung, und Selbstbestätigung ist billig.

Die Frage ist eine andere: Warum ist der Druck zur Spezialisierung so stark?

Ich glaube — und das ist eine Vermutung, keine Gewissheit —, dass es mit Legibilität zu tun hat. Spezialisierung macht Menschen lesbar. „Er ist Zahnarzt." Ein Wort, und man weiß, wo man ihn einordnet. Ein Lebenslauf mit fünf verschiedenen Disziplinen erzeugt Irritation, weil er nicht in ein Schema passt.

Und da wird es für Therapeutinnen und Ärztinnen relevant — für die Leser*innen dieses Blogs.

Denn die meisten von ihnen sind ebenfalls keine reinen Spezialisten. Eine Physiotherapeutin, die sich für Ernährung interessiert. Ein Allgemeinmediziner, der Naturheilverfahren integriert. Eine Logopädin, die psychotherapeutische Weiterbildungen macht. Das Gesundheitswesen ist voller Menschen, deren Kompetenz breiter ist als ihr Titel.

Und auf den meisten Praxis-Websites sieht man davon — nichts.

Weil die Website-Logik Spezialisierung erzwingt. Leistungsübersicht, Fachgebiete, Schwerpunkte. Alles in Kästchen. Alles sortiert. Die Breite, die einen Therapeuten oft erst wertvoll macht — dass er eben nicht nur den Rücken sieht, sondern den ganzen Menschen —, verschwindet in einer Aufzählung von Kassenleistungen.

Die Website als Gegenmodell

Wenn ich eine Website für eine Praxis baue, frage ich deshalb nicht nur: Was sind Ihre Leistungen? Sondern: Was können Sie, das über Ihre Berufsbezeichnung hinausgeht? Was sehen Sie, das andere übersehen? Wo kreuzen sich Ihre Erfahrungen auf eine Weise, die für Patient*innen einen Unterschied macht?

Und dann versuche ich, genau das sichtbar zu machen. Nicht als Leistungsliste, sondern als Haltung. Nicht als Aufzählung von Zertifikaten, sondern als Geschichte, die ein Patient versteht.

Das ist die Verbindung, die ich ziehen wollte — zwischen Epsteins These und meiner Arbeit, zwischen Breite als Lebensweg und Breite als Kommunikationsaufgabe.

Schuster und Leisten

Mein Bekannter hatte übrigens nicht ganz unrecht. Irgendwann muss man etwas richtig machen. Die Frage ist nur, ob „richtig" bedeutet: eine Sache ausschließlich. Oder ob es bedeuten kann: eine spezifische Kreuzung, die nur man selbst besetzen kann.

Ich bin Ernährungstherapeut, der programmiert. Das ist kein Umweg. Das ist ein Leisten, den es vorher nicht gab. Ob das ein besserer Leisten ist, weiß ich nicht. Aber er passt — und ich misstraue Ratschlägen, die von mir verlangen, ihn gegen einen zu tauschen, der sich bewährt hat, aber mir nicht gehört.

Ob das Prinzip Breite für die meisten Menschen und Situationen gilt — ehrlich gesagt: Ich bin mir nicht sicher. Epsteins Belege sind überzeugend, aber ich habe genug wissenschaftliche Debatten erlebt, um zu wissen, dass überzeugende Belege und abschließende Wahrheiten verschiedene Dinge sind.

Was ich sicher weiß: Für die Arbeit, die ich mache — zwischen Therapie und Technologie, zwischen Mensch und Maschine, zwischen dem, was jemand fühlt, und dem, was ein Browser rendert —, ist Breite keine Schwäche. Sie ist die Voraussetzung.


Julian Jaschinger ist Ernährungstherapeut, Ernährungspsychologe und Gründer von VerumVita® sowie PraxisPro Digital. Er baut Websites für Therapeut*innen und Gesundheitsdienstleister — mit der Erfahrung aus fast einem Jahrzehnt therapeutischer Arbeit und der festen Überzeugung, dass der Umweg manchmal der kürzeste Weg ist.

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